Vortrag von Professor Markus Ries (Luzern) zum Thema: 50 Jahre Vatikanum II und die Schweiz   

Vor fünfzig Jahren traten in Rom die katholischen Bischöfe aus der ganzen Welt zu einer Versammlung – Konzil genannt – zusammen, um auf wichtige Fragen ausserhalb des Glaubensbekenntnisses zeitgemässe Antworten zu geben. Der Kirchenhistoriker Markus Ries blickte auf dieses Ereignis aus Schweizer Sicht zurück und erklärte: «Es braucht ein neues Konzil!»

Für die römisch-katholische Kirche sind Konzile Jahrhundertereignisse. Denn in ihrer 2000-jährigen Geschichte haben nur gerade deren 21 stattgefunden, so Christoph Fink, Präsident des Katholischen Pressevereins Olten, in seinem Eröffnungswort. Das letzte Konzil, das am 11. Oktober 1962 im Petersdom in Rom begann, sei nötig geworden, so Markus Ries, der an der Universität Luzern Kirchengeschichte lehrt, weil die römisch-katholische Kirche auf grundlegende Veränderungen in der Welt Antworten suchen musste. Schon die Ankündigung eines Konzils habe – besonders in der Schweiz – eine Ermutigung zu  Erneuerung ausgelöst. Exemplarisch zeigte der Referent dies am Kirchenbau: Nun suchte man nicht mehr das Mittelalter nachzuahmen (wie bei der 1910 geweihten St. Martinskirche in Olten), sondern man  schuf Gotteshäuser, die sich an der modernen Architektur orientierten.

Schweizer Bischöfe ohne Gewicht

Die Beiträge der Schweizer Bischöfe ans Konzils blieben bescheiden. Eine Ausnahme bildete der aus dem Kanton Genf stammende Theologe und spätere Kardinal Charles Journet. Für Furore sorgte aber der junge Priester Hans Küng aus Sursee: Er dachte über die Wiedervereinigung der vielfach gespaltenen Christenheit nach. Und als Sensation empfand man die Eingabe der Juristin Gertrud Heinzelmann aus Zürich: Sie schlug – unter Berufung auf  den Kirchenlehrer Thomas von Aquin – Weiheämter für die Frau vor. 

Ergebnisse von Vaticanum II

Das II. Vaticanum habe als erstes die Gottesdienstform – die Liturgie – umgestaltet. Die Messe  wurde nun in der Landessprache gefeiert. Das Konzil definierte die Kirche neu als Gemeinschaft aller Gläubigen und nicht mehr als Herde und Hirte. Wichtig war die Anerkennung der Religions- und Gewissensfreiheit mit dem Hinweis, dass es auch bei andern Glaubensbekenntnissen Wahrheit geben könne. Und sehr bedeutungsvoll war die Neudefinition des Verhältnisses zu den Juden und zu andern christlichen Glaubensgemeinschaften.

Die Schweizer Bischöfe setzten die Reform der Liturgie zügig um. Sie waren dankbar dafür, dass sie tragfähige Kontakte zu den evangelisch – reformierten Glaubensgemeinschaften in der Schweiz zu knüpfen konnten. Dies erleichterte die Seelsorge in den vielen «Mischehen». Und die Synode 72 versuchte den Geist des Konzils in die Kirchen am Ort hineinzubringen.

Einigen der rund dreissigköpfigen Zuhörerschaft war es ein Anliegen, ihre Vision einer zeitgemässen Kirche darzustellen. Das II. Vaticanum sei, so Ries abschliessend, weitgehend umgesetzt. Die Welt habe sich aber in den letzten fünfzig Jahren erneut so stark verändert, dass es ein neues Konzil brauche. – Ecclesia semper reformanda!