Chronik 2012   

Der partielle Kirchenaustritt ist weiter ein Thema

Das Schweizerische Bundesgericht hat im Juli 2012 erneut zum Thema: Austritt aus der römisch-katholischen Kirchgemeinde ein Urteil gefällt.

Gemäss Bundesgericht kann jeder Katholik aus dieser staatlichen Organisation – sie ist also den staatlichen Behörden, in der Regel dem Regierungsrat eines Kantons unterstellt – austreten. Dabei ist unerheblich, ob diese Person ihren katholischen Glauben behalten oder sogar weiter praktizieren will. Gemäss römischem Kirchenrecht ist ein Austritt aus der Kirche ohnehin ein Unding – wer einmal getauft ist, ist immer getauft und somit immer Mitglied des mystischen Leibes Christi.

Ein Austritt aus der Kirchgemeinde hat also nur auf der staatlichen Ebene Bedeutung, nicht jedoch nach Kirchenrecht oder innerhalb der Kirche.

Die Situation trifft die katholische Kirche der Schweiz an einem heiklen Punkt: Einerseits wurde der katholischen Kirche diese staatliche Zwangsorganisation im 19. Jahrhundert – nach dem Kulturkampf – aufgedrängt. Damit wurde die Macht der Bischöfe und jene von Rom empfindlich eingeschränkt. Andererseits wurden die Kirchgenossen damit steuerpflichtig, obendrein auch noch die juristischen Personen (dies gilt jedenfalls für eine grosse Mehrheit der Kantone). Sie haben damit ihrer Kirche mehr bezahlt als sie je durch freiwillige Zuwendungen geleistet hätten.

Nun gibt es Gegner der Kirchgemeinden auch unter den Bischöfen und den Gläubigen, denen die grosse Mitsprache der Laien (so konstruktiv sie in den meisten Fällen ist) zuwider ist, weil sie im Kirchenrecht und im Rechtsverständnis der römisch-katholischen Kirche nicht vorgesehen ist. Diese Leute riskieren jedoch, die gute wirtschaftliche Basis ihrer Kirche aufs Spiel zu setzen. Die Kirche könnte viele Leistungen, gerade auf der sozialen Ebene, nicht mehr erbringen. Die Kirche wird aber  – so zeigen Umfragen – in der Schweiz vor allem noch für solche Einsätze geschätzt; andererseits nimmt das Ansehen der Kirchen und die persönliche Glaubenspraxis offenbar stark ab.

Andererseits steht eine grosse Mehrheit der Katholiken und der Bevölkerung (wie Volksabstimmungen zeigen) weiterhin hinter diesem Kirchenverständnis und staatlichem Kirchenrecht. Aber es gibt Geistliche, die – mit einer gewissen Konsequenz – ausgetretenen Leuten die Sakramente oder ein christliches Begräbnis verweigern wollen, weil solche Leute quasi für die «Dienstleistung»/»Sakramente» nichts bezahlen wollen – womit die Geistlichen aber das Kirchenrecht verletzen. Denn wie angetönt, sind staatlich beaufsichtigte Kirchgemeinden dem römischen Kirchenrecht fremd; sie finden sich denn auch nur in wenigen Ländern.

Es ist schwierig, wenn es in der Schweiz zwei Klassen von Katholiken gibt:
Solche, die Mitglied einer Kirchgemeinde sind, ihre Rechte wahrnehmen (Rechte, welche häufig die Rechte der Kirchenleitung einschränken) und Steuern bezahlen und daneben eine zweite Gruppe, die sich so verhält, wie es zwar gemäss Kirchenrecht vorgesehen ist, aber im aktuellen Schweizer Kontext eine unsolidarische, egoistische oder der Kirche gegenüber indifferente Haltung ausdrückt.

Nicht zu vergessen ist, dass im Rahmen der Kirchgemeinde die Frauen den Männern völlig gleichgestellt sind; auch zwischen Klerus und Laien besteht kein Unterschied. Es gibt auch keinen Zölibat und es kommt nicht darauf an, ob jemand, ledig, verheiratet, geschieden, lesbisch oder schwul ist.
Insofern hat die staatliche Kirchgemeinde heute viel diskutierte Anliegen schon verwirklicht.

Es wäre für die katholische Kirche in der Schweiz ein grosser Verlust, wenn die staatliche Kirchgemeinde, an die sich die meisten gewöhnt haben, sich – wie der Glaube bei vielen Menschen – in Luft auflösen würde.

Auch die Beschneidung gibt zu reden

Es war zu erwarten, dass die Beschneidung aus religiösen Gründen wieder einmal ein öffentliches Thema wird.  Insbesondere da die Beschneidung unser westliches Rechtsverständnis ritzt: Es geht um die körperliche Integrität, auf die jeder Mensch Anspruch hat und die nur in gut begründeten Fällen tangiert werden darf. Vergessen wir nicht, dass sogar der Apostel Paulus zur Beschneidung, die im jüdischen Glauben vorgeschrieben ist, gewichtige Aussagen in seinen Briefen machen musste und dass dieses Thema schon bei den Urchristen viele hitzige Diskussionen ausgelöst haben dürfte.

DIE BESCHNEIDUNG IST NUN MAL EIN KLARER EINGRIFF IN DIE KÖRPERLICHE INTEGRITÄT EINES MENSCHEN, IM BESONDERN FALL EINES KNABEN.

Während die jüdische Praxis – Beschneidung am 8. Lebenstag – bei uns gut verankert ist, weil der Eingriff durch spezielle Leute vorgenommen wird, die ihn weitgehend schmerz- und komplikationsfrei durchführen können, trifft das auf die «Synnet» der Moslems nicht zu.
Bei Kleinkindern muss ein solcher Eingriff in Vollnarkose und in einem Spital durchgeführt werden. denn der Aufwand ist grösser. Dann stellt sich die Frage, ob es Aufgabe unserer Spitäler ist, ihre Organisation für einen religiös motivierten Eingriff zur Verfügung zu stellen. Die Antwort ist ja, denn ein Eingriff in einer privaten Praxis bringt mehr Risiken mit sich.

Es bleibt aber die Frage, ob ein solcher Eingriff bei einem Kleinkind gerechtfertigt ist, oder ob man warten soll, bis das Kind sein Einverständnis selber geben kann. Aus meiner Sicht trifft das zu. Denn über die Unversehrtheit der körperlichen Integrität kann nur der betroffene Mensch selber entscheiden. Die Eltern können nur stellvertretend entscheiden, wenn eine akute gesundheitliche Gefahr besteht und das Kind noch nicht urteilsfähig ist.

Dies mag für Muslime hart tönen. Aber unsere Rechtsgrundsätze sind nicht verhandelbar. Denn dem jungen Muslim erwachsen in seiner Religion und in seiner körperlichen und psychischen Entwicklung keine Nachteile, wenn er den Eingriff in eigener Verantwortung zu Beginn seiner Pubertät trifft. Es könnte sogar helfen, dass die Jugendlichen sich über wesentliche Grundsätze ihres zukünftigen Lebens Gedanken machen.

UND ZUM SCHLUSS: EINE BESCHNEIDUNG IST KEIN EINGRIFF, FÜR DEN DIE KRANKENKASSE BEZAHLEN MUSS! HEUTE WERDEN VIELE CIRCUMCISIONEN MIT SCHWACHEN ARGUMENTEN ÜBER DIE KRANKENKASSE ABGERECHNET! DAS MUSS AUFHÖREN. ALLENFALLS KANN MAN EINEN «SPEZIALPREIS» ANBIETEN.

Rassistische Töne in der SVP

In den Kantonen Zürich und Solothurn sind Ende Juni 2012 kurz hintereinander zwei SVP-Mitglieder durch aggressive Äusserungen gegen Muslime und Juden aufgefallen. Beide haben die SVP freiwllig verlassen – andernfalls hätten sie ausgeschlossen werden müssen.

Die SVP muss sich bewusst sein, dass sie das Thema Ausländer so zugespitzt und ausgebeutet hat, dass sie Leute aufgesogen hat, welche die Grenzen überschreiten, welche durch Toleranz, Menschenrechte, Bundesverfassung und internationales Recht gesetzt sind.

Man stellt dann fest, dass solche Fanatiker innerhalb der SVP bisher eine gute Heimat hatten – viele Prominente SVP-ler lassen sich als ihre Freunde in sozialen Medien (Facebook etc) aufführen – und haben sich wohl die abstrusen Gedankengänge dieser Leute widerspruchslos wenn nicht gar wohlwollend angehört.

Es fragt sich, ob die SVP klug handelt, wenn sie rechts von sich keine Partei mehr aufkommen lassen will. Sie muss nämlich so weit nach rechts ausschwenken, dass sie sich von der bürgerlichen Mitte und der gemässigten Rechten immer mehr entfernt und für urbane, liberale und gemässigte Leute unwählbar wird. Darum bekommen immer mehr Schweizer Städte eine Linksregierung, da die SVP mit ihren extremen Kandidaten das bürgerliche Lager spaltet und damit der Linken zum Sieg verhilft. Eine solche Politik der Eigengoals kann kaum zielführend sein.