Chronik 2010   

Januar 2010

Die amerikanische Aussenministerin Hillary Clinton setzt sich für die Freiheit im virtuellen Raum ein

Anlass zu ihrer Äusserungen sind Angriffe von Hackern auf die Internetsuchmaschine Google. Es wird vermutet, dass die Volksrepublik China auf Computer der Firma Google zugreift, um chinesischen Nutzern den Zugang zu Internetseiten zu sperren, welche der chinesichen  Regierung nicht genehm sind.

Hillary Clinton nennt fünf wichtige Freiheiten des Internetzeitalters:

  • Freie Meinungsäusserung
  • Religionsfreiheit
  • Zugang zu Wissen und Information
  • Angstfreiheit vor Hackern, Pornographie und andern Übeltätern
  • Freier Zugang zu allen neuen Technologien

24. Januar 2010

Papst Benedikt veröffentlicht wie jedes an diesem Tag, dem Gedenktag des heiligen Franz von Sales, seine Botschaft zum Mediensonntag, der am 16. Mai 2010 gefeiert wird.

Der Papst lädt die Priester dazu ein, «mit Weisheit die aussergewöhnlichen Gelegenheiten zu ergreifen, die sich durch die moderne Kommunikation bieten. Der Herr mache Euch zu leidenschaftlichen Verkündern der frohen Botschaft auch auf der neuen «Agora», die von aktuellen Kommunikationsmitteln geschaffen wird». Darunter sind vor allem die digitalen Medien zu verstehen.

Februar und März 2010

Die römisch – katholische Kirche wird in mehreren Ländern Europas von Fällen von Pädophilie erschüttert. Zunächst in Irland, dann in Deutschland und darauf in der Schweiz werden Dutzende bis Hunderte von Handlungen von Geistlichen mit Kindern bekannt. Die Fälle liegen zum Teil schon Jahrzehnte zurück. Aus heutiger Sicht haben die damaligen Kirchenleitungen mit ihren Versuchen, die Verfehlungen geheim zu halten, eher unglücklich reagiert.

Am 21.3.2010 wird in Irland ein Hirtenbrief von Papst Benedikt verlesen. Papst Benedikt verurteilt darin ganz klar jede Art von Verletzung der körperlichen Integrität von Gläubigen – seien es Kinder, Frauen oder Untergebene oder Schutzbefohlene.

In diesem Zusammenhang wird – verständlicherweise – auch wieder der Zölibat der Priester und der Zugang von Verheirateten und Frauen zum Priesteramt diskutiert.

Die öffentliche Diskussion ist bisher sehr sachlich verlaufen. Das Thema wird die Kirche, deren Ansehen sehr gelitten hat, noch lange Zeit beschäftigen. Die Verantwortlichen wollen bei der Zulassung von Seminaristen zum Priesteramt künftig auch Aspekte der geschlechtlichen Neigung berücksichtigen.

Das Evangelium zum heutigen Sonntag; «Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein» mag ein Ansatzpunkt – aber keine Entschuldigung – sein, mit diesem Thema umzugehen.

Um die Osterzeit herum ist Papst Benedikt in vielen Medien vorgeworfen worden, als früherer Präfekt der Glaubenskongregationen gegen fehlbare Priester nicht streng genug vorgegangen zu sein und jetzt als Papst solche Vorfälle zu wenig ernst zu nehmen.

Eine Woche nach Ostern scheint sich der Sturm jedoch zu beruhigen. In Italien weisen Politiker und  Journalisten darauf hin, dass der Vatikan seine eigenen Gepflogenheiten kennt, kircheninterne Schwierigkeiten in Ordnung zu bringen. Der Vatikan habe durchaus angemessen reagiert. Der Papst habe – eben etwa mit dem Hirtenbrief an die irischen Katholiken – genügend für die Disziplinierung der Kirchenleute unternommen. Einige irische Bischöfe mussten ja ihre Ämter zur Verfügung stellen, weil man ihnen vorwarf, nicht energisch genug Gerüchten über sexuelle Übergriffe nachgegangen zu sein.

Juni 2010

Am 30. Juni 2010 platzte eine «Bombe» (deren Detonation schon seit einiger Zeit quasi in der Luft lag): Bischof Kurt Koch wird von Papst Benedikt zum neuen Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen berufen. Gleichzeitig wird er den Rang eines Erzbischofs erhalten und – immer per 1. Juli 2010 – von seinem bisherigen Amt als Bischof von Basel entbunden. Kurt Koch wird «als Apostolischer Administrator» dem Bistum Basel formell weiter vorstehen, bis ein neuer Bischof gewählt ist. Dies sollte bis Ende September 2010 geschehen.  

Kurt Koch ist damit Nachfolger von Kardinal Walter Kasper. Der Papst hat somit wiederum einen deutschsprachigen Bischof mit diesem wichtigen Amt betraut. Der Papst suchte offenbar eine Person, welche protestantische Glaubensgemeinschaften aus der Praxis kennt. Andererseits ist in diesem Amt auch der Kontakt zu orthodoxen und jüdischen Gemeinschaften wichtig.  

Bischof Kurt Koch äusserte in ersten Stellungnahmen, der Ökumene-Gedanke werde in der katholischen Kirche wichtig bleiben. Er sei eine Existenzfrage für die Kirche.

Juli 2010

Im Juli 2010 publiziert der Vatikan die Strafnormen, welche bei Taten gegen die sexuelle Integrität gelten. Die Strafnormen sind gegenüber früher kaum verschärft; sie wurden jedoch erstmals vollständig publiziert. Die wichtigste Änderung: Die Verjährung geht bis zwanzig Jahre nach Erreichen der Volljährigkeit des Opfers. 

Geklärt werden auch die Zuständigkeiten: Je nach Rechtslage können die Ortskirche (Bischof, bischöfliches Gericht), die Glaubenskongregation oder der Papst selber zuständige Behörde sein. Die Glaubenskongregation kann dabei Urteile fällen, die auch vom Papst nicht mehr umgestossen werden können.

Ziel dieser Massnahme ist Rechtssicherheit und Klarheit darüber, dass Vergehen gegen die sexuelle Integrität von der römisch-katholischen Kirche – wie schon bisher – verurteilt und bestraft werden. Ziel ist sicher auch, dass dieses Thema – sexuelle Übergriffe innerhalb der Kirche – wieder aus den Medien verschwindet.

Mitte September 2010

Der Papst ist in Grossbritannien anlässlich seines Besuchs wohlwollend aufgenommen worden. Lord Patten, Beauftragter des britischen Premierministers für den Papstbesuch, sprach von einem grossen Erfolg für den Papst, seine Anliegen, die katholische Kirche und die anderen christliche Bekenntnisse. Der Papst habe dazu ermutigt, die Verbindung von Religion und Vernunft (eines seiner Lieblingsthemen) zu bedenken. Der Papst empfahl, über die christlichen Wurzeln des Staates nachzudenken und sie zu achten Der britische Premierminister David Cameron sagte, der Glaube gehöre seit jeher zum Kern des britischen Wesens.  

20. November

Kurt Koch wird im Petersdom in Rom, zusammen mit 23 andern Bischöfen,  zum Kardinal erhoben. Der Kardinalsstand richte sich nicht nach der Logik von Herrschaft und Macht, sondern nach der Logik des Dienens aus, erklärte Papst Benedikt in seiner Ansprache an die neu ernannten «Senatoren» der Kirche.

Die Reaktionen in der Schweiz fielen inner- und ausserhalb der römisch-katholischen Kirche wohlwollend aber eher kühl aus. Kurt Koch wurde jedoch zu einem gefragten Interviewpartner für die Medien, dessen Eloquenz durchaus geschätzt wird. In seinem Amt möchte der neue Kardinal auch Brücken zwischen Rom und der Schweiz bauen. Bekanntlich gibt es hierzulande einen gewissen antirömischen Effekt, indem man glaubt, Rom berücksichtige zu wenig helvetische Eigenheiten. Kurt Koch erscheint als «Ökumene-Minister» des Papstes einen glücklicheren Eindruck als – besonders in den letzten Jahren – in seiner bisherigen Funktion als Bischof von Basel.

Wenig Tage darauf wird bekannt, wer neuer Bischof von Basel wird: Felix Gmür. Diese Wahl wird in der Öffentlichkeit, besonders in den Medien, wohlwollend aufgenommen. Noch nichts dazu gehört hat man vom «Enfant terrible» Hans Küng. Er ist ja, wie der neue Bischof (und seine drei Vorgänger) Luzerner. Seinen Namen hat sich der streitbare Theologe durch sein langjähriges Verhalten gegenüber der Weltkirche und dem bisherigen Bischof von Basel «verdient».  

25. November 2010

Die katholischen Medien seien dazu aufgerufen, «mutig der Wahrheit zu dienen, um der öffentlichen Meinung zu helfen, die Wirklichkeit aus dem Blickwinkel des Evangeliums zu sehen und zu lesen». Diese Worte richtete Papst Benedikt XVI.  an katholische italienische Medienschaffende. Katholische Medien sollten besonders sozialpolitische und ethische Aspekte hervorheben. Mehrfach hat der Papst in diesem Jahr auf die Wichtigkeit katholischer Medien hingewiesen. Auch die gedruckten bleiben wichtig; bekanntlich entfaltet die Kirche auch eine grosse Aktivität in den neuen elektronischen Medien.

Die Päpstliche Akademie der Wissenschaften hat sich für die Nutzung von gentechnisch veränderten Pflanzen ausgesprochen. Die landwirtschaftliche Produktivität könne damit erhöht werden. Dabei handelt es sich nicht um eine offizielle Meinung der Kirche. In diesem beratenden Gremium des Papstes finden sich rund 80 angesehene Wissenschafter, darunter viele Nobelpreisträger. Viele sind dabei nicht katholisch und/oder praktizieren ihren Glauben nicht.

Verschiedenes

Ende November versuchte Christoph Blocher, über eine Beratungsfirma Fuss in der «Basler Zeitung» zu fassen. Nach vielen negativen Reaktionen aus der Leserschaft wurde die Zeitung gar verkauft (von Tito Tettamanti an Moritz Suter) und das umstrittene Beratungsmandat gekündigt. Noch selten hat die Volksseele wegen eines Mediums in den letzten Jahren so gekocht. Die wirtschaftlichen Probleme und die journalistische Herausforderung (eine Monopolzeitung im Raum Basel zu betreiben, die allgemein akzeptiert wird und eine hohe Qualität aufweist) bleiben aber bestehen.

In der zweiten Hälfte dieses Jahres hat sich der Papst mehrfach für eine Neuevangelisierung Europas eingesetzt. Dafür wurde eine neue Behörde im Vatikan eingerichtet. Auch bei seinem Besuch in Spanien (Santiago de Compostela und Barcelona) bildete dieses Thema ein Schwerpunkt.   

Thilo Sarrazin, ehemaliger SPD-Finanzsenator von Berlin und – inzwischen zurückgetreten – Mitglied des Vorstandes des Deutschen Bundesbank – hat heftige Kritik auf sich gezogen. Sein Buch: «Deutschland schafft sich ab» warnt davor, dass Deutschland über die Einwanderung und Geburtenrate zu einer muslimischen Gesellschaft wird – und Deutschland Schaden nimmt. Die muslimischen Einwanderer – so der Nachfahre von auch eingewanderten Hugenotten – gehörten zu bildungsfernen Schichten und seien kinderreich. Dies führe zu einer dümmer werdenden Gesellschaft, mit vermehrter Arbeitslosigkeit und Kriminalität. Solche Sorgen treiben auch viele Katholiken um. Thilo Sarrazin richtet seine Botschaft an die politische Mitte; er lasse sich nicht in die rechte Ecke abdrängen, wie er in der «NZZ am Sonntag» sagte.

Gottfried Locher ist ab 2011 Ratspräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes. Er ist also quasi ein reformierter Bischof. Locher bedauert, das Profil seiner Kirchen sei unleserlich geworden. Das Zentrum des reformierten Lebens müsse der Gottesdienst mit einer fundierten Predigt sein. Dafür müsse ein Pfarrer rund zehn Stunden (!) aufwenden. Er empfiehlt, die Schätze der alten Kirche (also der christlichen Frühzeit) neu zu entdecken und in die Gottesdienste einzubauen.  Er möchte auch einen guten Umgang mit den Katholiken pflegen; seine eigene Seelsorge finde er bei den Mönchen in Einsiedeln, wohin er sich gerne zurückziehe (NZZ am Sonntag, 19.12.2010)