100 Jahre St. Martinskirche   

Am 28./29. August 2010 darf die St. Martinspfarrei das 100-jährige Bestehen ihrer Kirche feiern. Dass es neben der Stadtkirche in Olten eine zweite Martinskirche gibt, beruht auf leidenschaftlich geführten politischen und kirchlichen Auseinandersetzungen, welche tief ins vorletzte Jahrhundert zurückreichen. Der Oltner Historiker Urs Amacher beleuchtete in einem Vortrag im Josefssaal die Entstehungsgeschichte dieses Gotteshauses.

Drei Tage vor Palmsonntag 1873 musste der damalige katholische Stadtpfarrer Bläsi sein bisheriges Gotteshaus, die Stadtkirche räumen. Die Mehrheit der Oltner Katholiken hatte nämlich an einer Gemeindeversammlung beschlossen, ihn durch einen «fortschrittlichen» oder «liberalen»  Geistlichen zu ersetzen. Ihnen missfiel die dem Papst im Konzil von 1870 zugestandene Unfehlbarkeit in Glaubensangelegenheiten. Abgelehnt wurden auch die «antimodernistischen» Auffassungen der Kirchenführung, welche in demokratisch verfassten Staaten (die Schweiz war einer der ersten davon) oder in technischen und gesellschaftlichen Neuerungen nichts Gutes zu erblicken vermochte.

Fortan feierte die arg dezimierte romtreu gebliebene Pfarrei ihren Gottesdienst im Bauernhaus der Familie Büttiker an der Solothurnerstrasse. Eine wichtige Stütze waren auch die Kapuziner, welche ihre seelsorgerischen Dienste von ihrem Oltner «Klösterli» aus im ganzen untern Kantonsteil weitgehend unbehindert ausüben konnten.

Die Zahl der Katholiken nahm durch Zuzug besonders von Arbeitern aus katholischen Kantonen rasch wieder zu. Schon 1876 konnte eine Notkirche eingeweiht werden, welche heute als Sakristei, Bibliotheks- und Josefssal dient. Bald vermochte auch dieser Raum die Gläubigen an den sonntäglichen Gottesdiensten nicht mehr fassen.

In Absprache mit dem Bischof von Basel und Lugano, Jakob Stammler, wurden nun Pläne für eine repräsentative grosse Kirche entwickelt. Als Architekt wurde der St. Galler August Hardegger ausgesucht, der damals führende Architekt für katholische Sakralbauten – die katholischen Kirchen in Wangen oder Niedergösgen sind auch sein Werk. Eine treibende Kraft und ein grossherziger Geldgeber war der Oltner Schuhfabrikant Albert Strub-Müller. Die Kirche sollte in altem Stil – die neuromanische Form wurde einer barocken Version vorgezogen – gebaut werden, um an glanzvolle katholische Zeiten anzuknüpfen. Das Geld – rund 550`000 Franken – kam vorwiegend durch Spenden der Oltner Katholiken zusammen (es gab noch keine Kirchensteuer); knapp 90`000 Franken brachte auch eine Lotterie ein.

Die stattlichen Türme und die Hauptfassade wurden – wie Urs Amacher an Hand von Zeichnungen belegen konnte – nicht genau so ausgeführt, wie sie in der  Baueingabe bewilligt worden waren. Nach der Grundsteinlegung am 26. Juli 1908 und dem Glockenaufzug im Dezember 1909 durch die Schuljugend konnte am 14. August 1910 die Kirche durch Bischof Stammler eingeweiht werden. Leider forderte der Bau auch ein Todesopfer: Ein Dachdecker stürzte von einem der beiden Türme! Das Innere der Kirche wirkte während Jahren – wie Fotos belegen – sehr nüchtern, da die Gemälde noch fehlten.

Bemerkenswert sind auch die Besitzverhältnisse: Die römisch-katholische Oltner St. Martinskirche gehört – wie auch die St. Marienkirche auf der rechten Aareseite – einer Stiftung, die aus der damaligen römisch – katholischen Genossenschaft hervorgegangen ist; in dieser Stiftung hat der Bischof von Basel das letzte Wort, wie Urs Reinhard, Präsident dieser Stiftung, ausführte. Man wollte so vermeiden, wieder von einem Tag auf den andern ohne Gotteshaus dazustehen. Aus Schaden wurde man klug!