Theodor Scherer   

Der Solothurner Patrizier Theodor Scherer-Boccard (1816-1885) hat die Bedeu­tung der Medien früh erkannt und die katholische Kirche der Schweiz im 19. Jahrhunder entscheidend geprägt.

Wer in Ingenbohl das Grab von Mutter Maria Theresia Scherer besucht, erkennt links und rechts von ihr die letzte Ruhestätte von zwei Männern. Der eine, der Kapuziner Theodosius Florentini, war Ordensmann, der andere, Theodor Scherer-Boccard, Laie. Bei Florentini ist man kaum erstaunt. Er lieferte Mutter Theresia die Ideen für ihre karitativen Einsätze und kann so als Mitbegründer von Ingenbohl betrachtet werden. Aber wer war Theodor Scherer-Boccard? Der Solothurner Patrizier war der Mann, der den Zusammenhalt der Schweizer Katholiken im 19. Jahrhundert vielseitig förderte und entscheidend zu ihrem Überleben beitrug. Wie kein anderer hat er zudem die Bedeutung der Medien erkannt.

In Solothurn ausrangiert

Theodor Scherers Leben verlief in vielem gegen den Strom der Zeit. Es war ein Leben in der Defensive. Prägend war seine Verankerung in der katholischen Kirchlichkeit. Das beinhaltete sowohl gläubiges Vertrauen in das, was die Kirche zu glauben vorstellte, wie auch die Übereinstimmung mit der hierarchisch verfassten Kirche. Man mag versucht sein, das mit seiner Herkunft aus dem Solothurner Patriziat zu erklären. Der Vater, Franz Philipp Scherer, war Solothurner Oberamtmann in Dornach. Die Mutter, Maria Rosa Gressly, stammte aus einer aus Frankreich zugewanderten Familie.

Doch wichtiger als die Herkunft aus dem Patriziat waren die Herausforderungen der Zeit. Urs Joseph Theodor wurde am 12. Mai 1816 in Dornach geboren, wuchs aber im «Kreuzacker» am Ufer der Aare in Solothurn auf, wohin die Familie einige Jahre später zurückgekehrt war. Die Schulen durchlief er im Eiltempo. Sechs goldene Ehrenmedaillen der Solothurner Regierung heimste er als Schüler ein. Auch bei den Jesuiten am Athenäum in Freiburg erkannte man seine vielseitige Begabung. Bei der Berufswahl schwankte Theodor zwischen Theologie, Jus und Politik. Sein Vorhaben, sich in München und Paris weiterzubilden, wurde von einer schweren Krankheit des Vaters durchkreuzt. So stieg der 20-Jährige 1836 in die solothurnische Politik ein, wurde Sekretär der Stadtverwaltung und im folgenden Jahr Grossrat. Schon als Bub war er ein eifriger Zeitungsleser. Aus der Erkenntnis der Bedeutung der Presse für demokratische Meinungsbildung gründete er 1836 die «Schildwache am Jura». Es war das Organ der konservativen Richtung und fand wegen seines Netzwerkes von Korrespondenten gesamtschweizerische Beachtung.

Den Solothurner Liberalen machte die junge Zeitung nicht wenig zu schaffen. Ihre Reaktion war alles andere als liberal. 1841 wurde die «Schildwache» mit Polizeigewalt geschlossen. Scherer wurde mit anderen Gesinnungsfreunden verhaftet, des Hochverrats angeklagt und zu einer mehrmonatigen Haft verurteilt.

Grosse Pläne und widerständige Realität

Mit einer politischen Karriere in Solothurn war es nun vorbei. Scherer blieb zwar mit seiner Heimatstadt verbunden, aber sein politisches Interesse orientierte sich in Richtung Luzern und Innerschweiz. In Luzern, wo 1841 die Konservativen an die Macht gekommen waren, boten sich neue Möglichkeiten. Seine politisch motivierte Inhaftierung hatte ihn bekannt gemacht und sogar im Ausland Sympathiebekundungen hervorgerufen. Papst Gregor XVI. verlieh ihm das Ritterkreuz des Ordens Gregors des Grossen; die Universität Würzburg zeichnete den nicht einmal Dreissigjährigen mit der Ehrendoktorwürde aus.

Scherer entging nicht, dass die katholische Schweiz gegenüber dem reformierten Teil bildungsmässig deutlich im Hintertreffen war. Den Auftakt zu einem Aufbruch bildete die 1845 eröffnete Akademie Karl Borromäus in Luzern. Doch dem Vorhaben, Luzern als katholisches Bildungszentrum weiter auszubauen, machte der Sonderbundkrieg 1847 ein jähes Ende. Im Verlauf dieser Auseinandersetzungen wurde der junge Mann mit verschiedenen Sonderrnissionen betraut, die seinen Bekanntheitsgrad bei Politikern und Publizisten im benachbarten Ausland erweiterten. Auf Katholikentagen in Deutschland und Belgien hielt er schwungvolle Reden. Der Aufbau einer internationalen katholischen Pressearbeit kam jedoch nicht über erste Anläufe hinaus.

Engagierter Laie

Die pessimistische Sicht mancher Innerschweizer Katholiken aus dem Lager des untergegangenen Sonderbundes, der neue Bundesstaat wolle die konfessionelle Selbständigkeit der Katholiken vernichten, teilte Scherer nicht. Vielmehr konzentrierte er sich darauf, einer gewissen Ziel- und Ratlosigkeit der Schweizer Katholiken Gegensteuer zu geben. Vorerst kehrte er nach Solothurn zurück, doch 1855 erwarb er den Ansitz Hünenberg bei Luzern, um der Innerschweiz näher zu sein. In Luzern befand sich damals auch die Nuntiatur, mit deren Geschäftsträger Scherer in reger Verbindung stand. 1855 übernahm er die Redaktion der «Schweizerischen Kirchenzeitung», die zwei Jahrzehnte zuvor gegründet worden war. Dieses Blatt erfüllte eine wichtige Informationsaufgabe, als es noch keine nennenswerte katholische Presse gab.

1857 verwirklichte er eine lang gehegte Idee: die Gründung eines gesamtschweizerischen Katholikenvereins. Theodor Scherer wurde erster Präsident und blieb es bis zu seinem Lebensende. Zu Ehren des damaligen Papstes Pius IX. gab sich der Verein den Namen Piusverein. Eine Sammlung der Schweizer Katholiken war damals nur unter päpstlichem Vorzeichen denkbar. Der Kulturkampf im Zusammenhang mit dem 1. Vatikanischen Konzil und dessen Erklärung der päpstlichen Unfehlbarkeit (1869/1870) liess die breite Romorientierung zu einer einspurigen Strasse werden, da vor allem liberale Katholiken zur christkatholischen Kirche übertraten.

Stärkung der katholischen Zusammengehörigkeit

Zu den Aufgaben, die Scherer sich stellte, gehörte auch die Stärkung des katholischen Gedächtnisses. Er schrieb verschiedene Biografien von Persönlichkeiten, die für den Schweizer Katholizismus bedeutend geworden waren. 1857 gab er eine schweizerische Kirchengeschichte in Lebensbildern heraus, sechs Jahre später drei Bände zur Reformationsgeschichte. Mit einigen Mitarbeitern veröffentlichte er ein Werk über die Wiedereinführung des katholischen Kultus in Diasporakantonen im 19. Jahrhundert. Theodor Scherer war an allen Initiativen beteiligt, die eine innerkatholische Solidarisierung förderten. Dazu gehörte 1867 die Gründung der Inländischen Mission, welche den Aufbau der seelsorglichen Betreuung der Katholiken in den reformierten Städten unterstützte. Seiner Zeit voraus war er mit der Idee einer katholischen Universität in der Schweiz. Dieser Plan wurde erst ein Jahr nach seinem Tod in Freiburg verwirklicht.

Seither haben sich die Zeiten gewaltig geändert. Die konfessionelle Aufrüstung, die damals aus praktisch-pastoralen Gründen wegen der Migration der Katholiken in die reformierten Städte nötig war, hat einem Miteinander der Konfessionen Platz gemacht. Hierfür hat der Solothurner Publizist Theodor Scherer unumgängliche Voraussetzungen geschaffen, indem er das Selbstbewusstsein der Katholiken stärkte und sie zum gemeinsamen Auftreten anhielt.

Scherer, dessen Ehe mit der Freiburgerin Marie Louise de Boccard kinderlos blieb, starb am 6. Februar 1885 in Luzern und wurde in Ingenbohl beigesetzt.

Victor Conzemius

Erschienen im «Sonntag», Nr. 25/2006